2. Kapitel
Für dich lieber Leser sind es nur ein paar Minuten, für uns sind es mittlerweile zwei Wochen geworden.
Wir ließen das Vogelnest in Ruhe und schauten am nächsten Tag zur Mittagszeit hinein.
Auf dem Boden lagen zwei Küken, die inzwischen gestorben waren. Von den Eltern fehlte jegliche Spur.
Traurig nahmen wir die zwei Küken und begruben sie.
Ein drittes Küken starb noch am selben Tage und wurde aus dem Nest geworfen, so daß wir auch hier unsere traurige Pflicht als Totengräber erfüllten.
Sooft es nur möglich war, suchte ich eine versteckte Ecke um zu lauschen und zu schauen, ob nicht die Eltern angeflogen kommen, um sich um die verbliebenen Jungvögelchen zu kümmern.
Bis auf fremde Vögel, meistens Gartenrotschwänze, die sich in die Nähe des Schilfschutzzaunes wagten, sah ich kein Braunellenpärchen.
So streute ich als Lockmittel Haferflocken aus, um vielleicht doch ein Ergebnis zu erzielen, daß die Eltern auf die Futtersuche verzichten, und durch das ausgestreute Futter sich um das Junge kümmern. Aber nichts geschah.
Das Junge flatterte am Boden und versteckte sich im Gras, so daß ich es fast nicht sah.
Meine Gedanken kreisten Tag und Nacht um das junge Vögelchen: "was nur machen? wenn es nun verhungert? es können doch nicht alle fünf Kinder sterben.."
Es verging die zweite Nacht und der zweite Tag näherte sich dem Ende, ohne das ich feststellen konnte, daß das Junge von den Eltern besucht wird.
Meine Sorgen wurden immer größer.
So saß ich am Nachmittag auf dem Balkon und überlegte, wie ich helfen könnte. Dabei sinnierte ich und schaute gedankenverloren zum unbewohnten Nachbarhaus.
Was war denn da los?
Drei Gartenrotschwänze zwitscherten aufgeregt und sprangen unruhig auf zwei Fensterbrettern hin und her. Irgendetwas flatterte an der ungeputzten Mauer des Hauses.
Vielleicht ein Kleiber der an der Mauer hochlaufen will, oder ein Junges, das seine ersten Flugstunden nimmt - denke ich mir. Aber das unruhige Gezwitschere der Vögel irritierte mich, und so holte ich mir meine Brille um genauer zu sehen.
Was ich sah, ließ mir den Atem stocken. Ein einziger Gedanke beseelte mich: retten, retten, retten.
So lief ich aus dem haus und traf meinen Nachbarn am Gartenzaun mit anderen Nachbarn plaudernd an. "Haben Sie eine große Leiter" rief ich ihm zu "wir müssen einen Vogel retten"
"Nein, habe ich nicht - aber ich komme schon" antwortet der Nachbar mir. "ich hole nur schnell Handschuhe. Der Vogel hängt am unbewohnten Haus fest" sage ich noch und eile um mir die Handschuhe aus dem Keller zu holen. In dieser Zeit kletterte der Nachbar über den Zaun und sah die furchtbare Bescherung. Ein Nestjunges flatterte aufgeregt unterhalb des Fensterbrettes der zweiten Etage und hing mit einem Bein fest. Da wir keine Leiter hatten, überlegten wir, wie wir da hoch kommen könnten, dabei ließ ich meinen Blick über das verwilderte Grundstück schweifen. Da, da liegt ein Holzgestell. Ich erinnere mich sofort, daß dieses Gestell öfter an der Hausmauer lehnte und Kinder so in den ersten Stock des Hauses in ein Fenster stiegen, das eigentlich noch keins ist, da eine Plane, als Schutz, die Maueröffnung bedeckt.
Nicht lange überlegt, das Gestell genommen und an die Mauer gelehnt. Wie das wackelte und sich morsch anfühlte..
Ich wollte gerade hochsteigen, als mein Nachbar sagt: "geben sie mir die handschuhe, ich gehe hoch, da ich etwas größer als sie bin.." Ich gab ihm die Handschuhe und wußte eigentlich aber gar nicht, warum er den Größenunterschied erwähnte.
Er steigt hoch und will auf die oberste Stufe steigen, da merke ich, was er vorhat.
"Nein, nicht ganz hoch, ich wollte eigentlich durch die Plane in das Haus steigen, denn wenn sie jetzt den Vogel oben abmachen, wissen wir nicht, inwieweit wir ihn dabei verletzen, er scheint ziemlich fest zu hängen", sagte ich zu ihm. Ich hatte ja so recht. Als mein Nachbar das Fenster im zweiten Stock aufmachte um mit der Hand unter den Fenstersims zu fassen und das Vögelchen abzumachen, merkte er, wie fest das Junge sich verhakt hatte.
Er zerrte ihn mit allerlei Gestrüpp ab und kam dann hinunter. Hier nahm ich den Vogel in Empfang und mußte mich noch auf das Gestell konzentrieren, denn sonst wäre mein so hilfsbereiter Nachbar verunglückt.
Wir setzten uns auf die Treppe zum Keller und schauten uns die kleine Kralle an, was da alles herumgewickelt war. Es muß wohl die ganze Nestumrandung gewesen sein, die der Vogel beim hinausstürzen sich umband. Durch das unruhige Gezappel, wer hält schon in so einer Situation still?, verwobte und verspann sich das Gewirr aus Fäden, Halmen und Federn derart, daß es sein Beinchen richtig abschnürte.
Wir konnten tun und lassen, was wir wollten, wir bekamen das Gespinst nicht ab. Uns standen die Schweißperlen im Gesicht, die Hände wurden feucht, und des Nachbars Hände zitterten so vor Aufregung, daß ich befürchtete, er reißt das Beinchen ab. Ich hielt den Vogel, er mußte versuchen, die Fäden zu entwirren. Es half nichts, wir kamen so nicht weiter. Es mußte eine andere Methode gefunden werden. Also eine Schere mit dünnen, scharfen Klingen. In der Eile, woher?
Da fällt mir meine kleine grüne Gartenschere, die fast stumpf ist, ein. Ich hole sie kurzerhand und drücke sie dem Nachbarn in die Hand. "hilft alles nichts, wir müssen schneiden" kommandiere ich. Er mit zitternden Händen, ich mit angstvollem Gesicht, das er bloß nicht in das Bein schneidet und pickt. So geht die Schneiderei gegen das Geflecht los. Und die Sonne, die vorhin so angenehm schien, brennt uns jetzt auf die Köpfe, so daß uns noch wärmer wird, als es so schon für uns ist.
Es dauerte für uns alle drei, eingerechnet den Vogel, ziemlich lange, bis wir sämtliche Fäden vom geschundenen Bein hatten.
Vorsichtig setzte ich den Vogel in das abgeschirmte Teil rund um die Konifere, zu dem anderen Küken. Dabei entdeckten wir, daß das Bein unseres gerade geretteten Vogels, ausgerenkt war. Eine weitere Sorge kam hinzu, ob die beiden Jungvögel sich wohl vertragen würden. Diese Sorge war, zumindesten in diesem Moment, unbegründet, da jeder Vogel sich eine Ecke unter der Konifere suchte und nur seine Ruhe von den Aufregungen haben wollte.
Der Abend kam, die Nacht verging, ein Wochenende begann und die Frage: "wie soll es weiter mit den beiden Sorgenkindern gehen?" hämmerte in meinem Kopf. Samstagfrüh gehe ich zu meinen kleinen Kindern und schüttele etwas an der Konifere um zu sehen, ob beide noch da sind. Jawohl, sie sind da. Als ich das Küken mit dem ausgerenktem Bein ansehe, fällt mir eine Idee ein, auf die ich hätte schon früher kommen müssen.
Bei allem was noch passieren wird, der Gedanke hätte früher kommen müssen.
im Nachhinein glaube ich feststellen zu müssen, ich war dieser mir unbekannten Situation einfach nicht gewachsen. Aber alles der Reihe nach, denn auch du, lieber Leser, sollst an meinem Schmerz und meinem Kummer teilhaben.
Der Gedanke war so simpel: "es gibt doch Tierärzte, die mir sagen können, wo es eine Vogelwarte für verwaiste Vögel gibt" da würde ich die beiden Vögel hinfahren. So ging ich ins Haus und schaute in die wöchentlichen Zeitungen für den Wohnkreis, wer von den Tierärzten Wochenenddienst hat.
Ich finde auch sofort eine Telefonnummer, die ich anrufe: "können sie mir sagen, wo es hier eine Vogelwarte für verwaiste Singvögeljunge gibt?"
"nein, das kann ich ihnen leider auch nicht beantworten, für Raub-und Rabenvögel gibt es eine Vogelwarte- aber warten sie einen Moment, ich verbinde sie weiter...."
"Hallo - können sie mir weiterhelfen, ich habe ein Braunellen und ein Gartenrotschwanzküken.
Das letztere ist am Bein verletzt, was kann ich machen?" und schildere dabei den Vorgang der rettung des Vogels. Eine weibliche Stimme antwortet mir und erklärt mir jetzt, wie ich das Bein schienen soll und wie die Fütterung zu erfolgen hat. Anders könne sie mir nicht helfen, erklärt sie mir. Ob ich es denn versuchen will? fragt sie mich, was soll ich darauf antworten? Soll ich die Vögel etwa in die Mülltonne schmeissen?
Oder vor meinen Augen sterben sehen?
Als erstes mußte ich mir Cola und Katzenfutter besorgen, das waren die
Hauptmerkmale für die Fütterungsversorgung, desweiteren eine Pinzette und eine Pipette.
Da alles im Hause war, konnte es losgehen.
Samstag um neunuhrdreißig fing es an, fertig war ich zwei Stunden später.
Aber lest selber wie das vor sich ging:
Als erstes kam der größere der beiden Vögel dran, weil ich mir sagte, daß der Kleinere bestimmt länger braucht, und so wollte ich vom größeren Piepmatz den Hunger gestillt wissen.
Ich fing den Vogel und trug ihn in das Zimmer meiner Tochter, das wir jetzt als Notlazarett umfunktioniert hatten. Ein bißchen Cola habe ich in ein Fläschchen mit einer Pipette eingegossen und versuchte nun mit der Pipette die Cola in seinen Schnabel einzutröpfeln.
Es mißlang gründlich. Er wollte nicht. Durch die Rundung der Pipette konnte ich auch nicht den Schnabel öffnen, so badete ich fast sein Köpfchen in den heraussickernden Tropfen auf seinen Schnabel. Mit der Pinzette und einen mikroskopisch kleinen Stück Katzenfutter schaffte ich es, seinen Schnabel von der Seite her, zu öffnen. Dabei hatte ich immer Sorge, ich könnte den Vogel durch die scharfen Endspitzen der Pinzette verletzen.
Er nahm aber doch einige Häppchen an, bis ich merkte, er wollte wirklich nicht mehr.
Dann ließ ich ihn wieder zurückgleiten auf seinen Platz an der Konifere und griff mir den kleinen Vogel, der noch eine ganz entscheidende Rolle in meinem Leben für die nächsten Tage spielen sollte und mir so - nicht an`s, sondern in`s Herz gewachsen ist.
Schon als ich den kleinen Körper in meiner Hand, der bedeckt mit den obligatorischen Handschuhen, spürte, kam etwas rüber, was ich hier nicht beschreiben kann, was aber ganz bei dem größeren mit seinem verletzten Beinchen fehlte.
Der kleine Vogel schmiegte sich in meinen Handteller und als ich ihn durch den Keller zum Zimmer meiner Tochter trug, entwischte er mir und zeigte, daß er nicht nur flattern konnte, sondern auch fliegen.
Es war kein Problem ihn wieder einzufangen, weil er irgendwie nur darauf wartete, daß ich ihn wieder in meine Hand nehme, Er bewies es mir noch zweimal an diesem Tage.
In der Zwischenzeit, als ich doch merkte, daß die Pinzette ein gefährliches Instrument sein kann, hatte ich meine Tochter gebeten, mir eine Puppenspritze zu besorgen. Da wir hier Familien mit Kindern haben, mit denen sich meine Tochter gut versteht sollte es doch möglich sein, so ein Puppenarztinstrument aufzutreiben.
Und es war auch so. Ich hatte auf einmal sogar zwei Spritzen, von denen ich dann die nahm, die eine längere Kanüle hatte um tiefer in den Schlund des Vogelhalses zu kommen.
Zuerst gab ich dem Kleinen die Cola zu trinken, die er auch sofort annahm, danach kam die Puppenspritze in Aktion. Vorher mußte das Katzenfutter so dünn gemacht werden, daß es sich gut durch die Spritze pressen läßt. Was aber nicht so einfach ist, da sich immer wieder fasern vom Fleisch verhakten und somit die Spritze zum verstopfen brachte.
Der Kleine nahm das Futter gierig und so mußte ich feststellen, daß er wirklich die letzten Tage zuvor nicht gefüttert wurde. Der Kleine saugte an der Spritze wie Babys an der Flasche saugen. Dabei schloß er manchmal ein Auge. Es war fast immer das linke Auge und mit dem anderen Auge schaute er mich fragend an: "bist du jetzt meine Mutti?"
Ich spürte seine Wärme durch den Handschuh, spürte wie er sich anschmiegte, als ob die Hand sein nest wäre. Seine kleinen Krallen bewegten sich wie die Finger eines Babys, das nach seiner Flasche greifen will. Die Situation war nicht viel anders, als eine Anzahl Jahre zuvor, ich meine Tochter im Arm hielt und ihr die Flasche gab.
Umso öfter ich diesen Vogel in den nächsten Tagen fütterte, umsomehr verstärkte sich dieses Gefühl der ganz besonderen Verbundenheit.
Beim füttern strich ich ihm über seinen kleinen Bauch und mußte dabei entdecken, wieviele Federn ihm eigentlich fehlten. Ganz besonders am Hals hatte er eine furchtbare große kahle Stelle. Sein Schwänzchen war auch leicht lädiert, wohl doch vom Rasenmäher getroffen?
Nach der ersten Fütterung setzte ich ihn auch wieder zu dem größeren Küken, den ich mir nun noch einmal vornahm um sein Bein zu schienen.
Wie aber nun dieses Bein schienen? Nach der Ärztin vom telefon sollte ich das Bein am Körper mit Pflaster festkleben. Ich versuchte aber etwas anderes. Eine Schlinge sollte das Bein am Körper festhalten. Leider war der gedanke zwar ganz gut, aber die Wirklichkeit sah anders aus, da die Schlinge keinen Halt hatte und so immer wieder über den Stietz wegrutschte.
Wir machen das ganz anders, dachte ich mir und splitterte mit Hilfe meiner Assistentin, meiner Tochter, ein Streichholz und klebte das als Stütze am Unterschenkel mit durchsichtigem Klebeband vorsichtig fest. Der Große, so will ich ihn mal nennen, ließ es geduldig geschehen und war danach heilfroh wieder beim "Kleinen" zu sein.
Man kann nicht sagen, daß die beiden Vögel sich nicht mochten, aber jeder hatte sich einen Platz ausgesucht und dieser war nun seiner. Keiner beachtete den anderen. Es war wohl auch gut so.
Samstagnachmittag setzte ein heftiges Gewitter ein.
Ein starker Wind brachte Bäume zum wanken. Die Äste bogen sich bis zum Boden.
Wie wird es wohl unseren Schützlingen ergangen sein? Dachten wir, als das Gewitter sich austobte und wir sofort zu ihnen eilten.
Erst sahen wir gar nichts - absolut nichts! Alle beiden Piepmätze waren verschwunden - oder nur gut versteckt?
Endlich entdeckten wir unsere kleine Braunelle, die wieder gut versteckt im Gras hockte.
Und wo ist nun unser Großer mit seinem geschienten Bein?
Er war nicht mehr da und blieb verschwunden. Der Neststurz hatte ihn in seiner Flugtauglichkeit vierundzwanzig Stunden gelähmt. Durch die Tropfen Cola und die Häppchen Futter hat er doch wieder Kraft getankt und seinen Schock überwunden und ist bei einbrechendem Gewitter von seiner Mutter abgeholt worden, die nämlich ihn auf dem Rande sitzend, der Schilfrohrmatte rief und lockte. Das wurde mir später vom Nachbarn berichtet, der gerade zu dieser Zeit aus dem Fenster sah und das alles beobachtete. Nun fliegt unser Gartenrotschwanzjunges mit einem geschienten Bein umher - was hätten wir uns für Vorwürfe seinetwegen machen müssen, hätte ich sein Beinchen an den Körper gebunden. Er wäre doch genauso weggeflogen.
So Gott will, sehen wir ihn eines Tages wieder und können ihn anhand des geschienten Beines erkennen.
Aus dem Vorfall mit dem Gewitter und dem Abflug des einen Kükens sind wir nun schlauer geworden und richteten unserer kleinen Braunelle ein großzügiges Nest im Zimmer meiner Tochter ein.
Über dieses große Nest mit einem Vogelhäuschen, stülpten wir einen Einkaufskorb, damit die Braunelle nicht durch eines der angelehnten Fenster wegfliegt. Dazu hat sie wohl keine Veranlassung gesehen, denn am Abend saß sie friedlich auf dem Korb. Ich hatte nämlich nicht beachtet, daß sie aus den Handgriffen des Korbes herauskrabbeln konnte. Diese schlossen wir dann auch sofort, nachdem sich die Braunelle ganz leicht von mir greifen ließ und ich sie ins Nest setzte.
Nach dem Bau des Nestes gab es noch einmal eine Fütterung, und dann war unsere Braunelle ganz munter in ihrem Nest. Sie schlief friedlich die Nacht über und machte gegen fünf Uhr früh meine Tochter mit Übungen im Gesang munter. Aber es waren eben nur Übungen, die die kleine Braunelle schnell ermüdeten, so konnte dann meine Tochter weiterschlafen.
Am nächsten Morgen gegen zehn Uhr wurde sie wieder gefüttert, wobei sie die Cola verschmähte und ich ihr nur ein paar Tropfen einflößen konnte. Dafür aß sie mit großem Appetit ihren Katzenbrei. Von essen kann nicht die Rede sein, mehr denn wohl vom saugen.
Danach wetzte unsere kleine Braunelle ihren Schnabel an der Korbwand, schlug öfter dagegen um uns zu zeigen, daß sie doch ganz munter sei und einen Flug wünscht.
Aber den gestatte ich ihr doch noch nicht.
So beschäftigte ich mich am Sonntag im Garten und schaute hin und wieder zur kleinen Braunelle. Sie übte fleißig ihr Köpfchen zu biegen, um es unter einen Flügel zu verstecken und so wie die großen Vögel zu schlafen. Am Nachmittag hatte sie es geschafft.
Ich überlegte gegen sechzehn Uhr ,ob ich sie füttere oder wenigstens Kreislaufstärkung mit der Cola geben sollte. Dabei erinnerte ich mich an das Theater vom Vormittag, wie die Braunelle es immer wieder schaffte, die Tropfen aus der Pipette so geschickt in der Luft zu verspritzen durch das blitzartige wegdrehen des Kopfes, daß mein weißes Nicky mit lauter stecknadelgroßen Flecken besät wurde. Doch ließ ich es bleiben - hätte ich es nur gemacht, vielleicht wäre mein Mittagstraum Wirklichkeit geworden.
Ich sah mich nach weiteren sieben Tagen der intensiven Pflege und Fütterung unsere Braunelle in meine Hände haltend in den Garten gehend, und wie ich die Hände dann öffne und unsere kleine Braunelle davon fliegt. Sie macht noch eine Kurve und dreht dann ab und verschwindet hinter den Hausdächern in Richtung Wald. Am nächsten Tag sehe ich sie auf der Konifere sitzen und höre sie ein Lied singen, als ich dann vorsichtig mich nähere, fliegt sie weg, bereits wieder scheu geworden. Aber das war ein Mittagstraum...
Gegen sieben Uhr abends schaute ich noch einmal nach ihr, da schlief der Vogel wieder friedlich in seiner neuen Stellung. Gegen acht Uhr berichtete meine Tochter, daß unsere Braunelle hin und her hüpft und als ich dann eine Stunde später nach ihr schaue, sah ich sie ruhig an der äußersten, mit Gras gepolsterten Ecke des Korbes liegen.
"He, willst du mich necken, nun mach mal das Köpfchen hoch, ich will dir doch noch was zu trinken geben; na komm, veralbere mich nicht; ganz schön raffiniert, dich hier schlafend zu stellen.." so sprach ich mit der liegenden Braunelle.
Ich kam in diesem Moment gar nicht auf den Gedanken, daß Gewißheit geworden ist, unsere Braunelle ist gestorben.
Ein Auge offen, ein Auge geschlossen, wie ich sie kannte von meiner Hand her. Ich kitzelte sie noch mit einem Grashalm, bis mir bewußt wurde, daß das kleine Herz versagt haben mußte.
Die Trauer die uns erfaßte, möchte ich ebenfalls hier nicht beschreiben, es war einfach entsetzlich, als ob wir den Vogel jahrelang gehabt hätten.
In der Nacht sah ich seine Seele durch das Haus fliegen, in den weiteren drei Tagen konnte ich keine Vögel zwitschern hören. Und ob ihr`s glaubt oder nicht, es herrschte Ruhe um mein Haus. Nach einigen Tagen erst begann das Gefliege und Gezwitschere der Vögel wieder. Noch heute, und wer weiß wie lange noch, mache ich mir Vorwürfe, über meine Unkenntnis kleine Vogeljunge aufzuziehen, denn ich weiß genau, es waren meine Fehler, die meiner kleinen Braunelle das Leben kostete.
© copyright 1998 by ronald dollinger