GEHIRN

ein Gehirn, als Masse,
mit einer Grammzahl, gemessen
aber nicht - zum Gebrauche des DENKEN`s
Steh still - Steh still, für Dich ist Ruhezeit,
Todeszeit- Stillstand.

Um Dich aber- Du kannst nichts anhalten,
alles ist in Bewegung.
Jeder Atemstoß ist Schwingung,
dabei ist es egal,
ob Du ein- oder ausatmest,
es gibt keine Stillstandzeit,
keine Ruhezeit,
keine Todeszeit.

Zehn Jahre Abstinenz, sind bald vollbracht,
keine Flasche Alkohol,
nicht einen Tropfen in versteckten Mischungen,
nicht gemogelt, nicht geschlürft,
vollenden sich nun zehn Jahre Abstinenz.

Es fiel mir nie schwer, beileibe nicht,
kein Gedanke verschwendet,
nie gereut, gedürstet nach mehr,
gewechselt wurden die Flaschen,
von Farbe und Geschmack,
der Inhalt war immer gleich - nullprozentig.

So wurde ich denn trotzig,
Jahre nach dem Tage Null,
merkt ich meinem Kopfe,
den Verlust des klaren des reinen Gedankens,
mein Gehirn war zum Teil
im wahrsten Sinne des Wortes
abgesoffen.

Gedankengänge, Gedankenschnüre,
mußten trocken gelegt,
die doppelte Blutzufuhr abgeregelt, normalisiert,
so kümmerte ich Jahre hin,
schreiend nach Gehirn.

Seit einigen Tagen schon,
schlaf und doch denk ich,
wie in schlimmster Zeit des Alkohols,
ist doch alles anders,
der Kopf ist angezapft,
sprudeln nur so von Ideen,
die mir rufen zu:
schreib, schreib mein Sohn.

Zehn Jahre Trockenzeit,
sie gehen als Probe zur Neige,
nun sind die Gedanken frei ihrer Ketten,
hinterlassen blutend ihre Spur,
die mir so gut tut.

Saß ich vor Jahren, in meiner besten Zeit,
am Schreibtische, so flossen die Gedanken,
die Einfälle nur so über mich in mich überlastend,
stand die Flasche neben mir.

Die neue Art des Schreibens,
eine moderne Maschine,
genannt der Computer,
begleitet mich, und brüllt nun auf,
das mein Hämmern auf den Tasten,
nimmer aufhör
mein Kopf ist frei,
ich Zweifel nicht,
ich hab`s geschafft.

Der Kampf ist noch lange nicht vorbei,
denn jetzt muß ich mich auseinandersetzen,
mit dem was Jahre schlief,
hab ich soviel Zeit,
die ich brauch, um zu holen auf,
was Gott mich hieß?

Das was dem Musiker die Töne,
sind bei mir die Buchstaben,
die zusammengefügt eine neue Melodie,
das Wort ergeben müssen,
und so verbeiß ich mich in Wörtern,
die bildend in Sätze, euch begleiten.

Kein Trunk kann schlimmer sein,
nach dem erwachen,
wie der tägliche Kampf,
die sprudelnde Quelle
zu richten und zu biegen
in das Bett der Abstinenz,
von Verrücktheit

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© copyright 1998 by ronald dollinger